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Ein unbezahlter Botschafter

Ein Blick auf unsere jedes Jahr stattfindende Sommerferien-Tournee.

Bald sind wir im Ausland bekannter als zu Hause: Folkcorn, historische Volksmusik aus den Niederlanden. Ob es nun ein Konzert in Kaliningrad (Russland), in Mörfelden-Walldorf (Deutschland), in la Bisbal (Spanien) oder in Martal (Frankreich) ist, immer drängen sich nachher die Leute um uns, wollen CDs kaufen oder Fotos machen und gehen nicht eher, bis wir alle vier ein Autogramm gegeben haben. Wir sind sozusagen berühmt! Das stimmt natürlich gar nicht, aber komisch ist es schon…

Folkcorn ist eine semiprofessionelle Band, die alte niederländische Volksmusik aus der Zeit zwischen ca. 1400 und 1900 spielt, eine Zeit, in der die Landesgrenzen noch anders verliefen als heute und es noch kein Urheberrecht gab. Es gibt also viele Berührungspunkte und Überschneidungen zwischen unseren musikalischen Wurzeln und denen der Belgier, Franzosen, Deutschen und Engländer, um nur einige Nachbarn zu nennen. Wir sind eine der ältesten noch bestehenden Folkgruppen, 1972/73 gegründet, seit ungefähr 18 Jahren in der heutigen Besetzung, und vollauf aktiv: Unsere dritte CD, der sechste Tonträger, ist im November 2002 erschienen und auf unserer schönen Webseite www.folkcorn.nl trudelt Fanpost aus der ganzen Welt ein. In den Niederlanden spielen wir regelmäßig bei mittelalterlichen Banketten (in alten holländischen Kostümen) oder im niederländischen Freiluftmuseum, aber auch vor aufwändigeren Arbeiten wie dem Erstellen eines neuen Programms scheuen wir nicht zurück. Im Oktober 2002 haben wir zum Beispiel ein „Erzählkonzert“ unter dem Titel „Spys ende Dranck“ ins Leben gerufen, bei dem Erzähler Walter van Wingerden Geschichten über das Landleben und das Essen und Trinken in früheren Zeiten darbietet. Wenn wir davon leben müssten, blieben wir allerdings arm. Wir haben deswegen alle einen Beruf und machen nebenbei Musik, vielleicht auch andersherum, aber immer mit einer kritischen Haltung und dem Streben nach professioneller Qualität. Wonach wir auch streben – da sind wir ganz menschlich – ist hier und da ein bisschen Anerkennung, schöne Frauen, die für ein Autogramm anstehen (hier spricht der Flötist), und dafür müssen wir sowieso ins Ausland.

Wir sind zwei Paare, was sehr praktisch ist, und organisieren jeden Sommer in den Ferien eine Art „Sommerferien-Goodwill-Tournee“ mit einer Reihe von Konzerten im Ausland. Ganz unprofessionell übernehmen wir die Fahrtkosten manchmal selbst (alles passt gerade so in einen Kombi) und freuen uns, wenn wir mal kein Konzert haben, dann können wir mal auf einen Flohmarkt gehen oder an den Strand. Wir arbeiten nach dem gleichen Motto wie die alten Barden: der Geldbeutel bleibt zu, Musik wird für Essen, reichlich Getränke und Unterkunft eingetauscht. Bei unseren Konzerten erklären wir die Lieder in einer Sprache, die so weit wie möglich der jeweiligen Landessprache ähnelt. Unsere Kontakte kommen von überall her: Tips von Verwandten, zugewanderten Bekannten, Hilfe von niederländischen Konsulaten oder die Vermittlung eines unbekannten Fans auf unserer Webseite. Aus der Hälfte dieser viel versprechenden Kontakte wird nichts, aber aus der anderen Hälfte und den spontanen Einladungen vor Ort kann man eine ganze Menge machen. Im  Sommer 2002 waren wir in Nord-Spanien und Frankreich: La Bisbal und Torelles de Lobregat in Spanien und einige Orte in Mittel- und Südfrankreich: Druyes-les-belles-Fontaines (wo wir ein Benefizkonzert für den Restaurationsfonds eines Schlosses gaben), Sompt bei Poitiers (ein gutbesuchtes Hauskonzert in einem Bildungshaus mit angeschlossener Wohnung), Martal bei Aurillac (für das französische und niederländische Publikum auf einem Campingplatz, und ein Konzert für das ganze Dorf bei einem Holländer zu Hause), und außerdem auf einem Campingplatz in den Pyrenäen bei Prades. Kurz davor, an einem glühendheißen Sonntag, dem 16. Juni, liefen wir noch als mittelalterliche Musikanten durch die Straßen des kleinen deutschen Örtchens Walldorf, der Partnerstadt unserer Heimatstadt Wageningen. Zum Schluß gab es dort noch ein gut besuchtes Open-Air-Konzert. Kein Wunder, dass in einem deutschen Dankesbrief stand: „Ein wenig hatte ich Sorge wegen der Rückfahrt. Ihr saht so furchtbar erschöpft aus.“ Davor hatten wir eine Woche lang in Russland gespielt, besser gesagt in der russischen Enklave Kaliningrad nördlich von Polen. Wir gehörten zu einem ganzen Bus voll Halbprofessionellen, Profis und Amateuren, zu denen auch Teppichknüpfer und Stickerinnnen gehörten, die ein Programm unter dem sehr weit gefassten Titel „Niederländische Musik- und Kulturtage“ auf die Beine gestellt hatten. Diese wurden inzwischen zum zehnten Mal organisiert von dem einigermaßen idealistischen Büro Scala aus Zwaag. Wir mussten schon schlucken, als wir hörten, dass alle sich an den Unkosten beteiligen mussten, statt bezahlt zu werden, aber wir wollte unbedingt mal „in Russland gespielt“ haben. Auf dieser allzu langen Reise in dem viel zu engen Bus stellten wir uns schon die Frage, was das alles sollte, aber die große Begeisterung des Publikums und die Scharen von Menschen, die uns jedes Mal umringten, entschädigten uns für alles.

Und so war es auch in Frankreich und Spanien und in den letzten Sommerferien in Polen, Deutschland, England und Mittelfrankreich, ja und auch bei unseren Reisen in die USA, zum Festival „Memphis in May“ 2001 und zum „Western Kansas Blues Festival“ 1995. Wir wurden schon wieder nach Spanien und Frankreich eingeladen, und aus Mexiko meldete sich ebenso ein Fan. Der mußte warten, weil wir für 2004 schon von Holländern nach Kanada eingeladen wurden. In 2006 spielten wir in Normanien und Skandinavien, und in 2007 in Turkmenistan, Deutschland, der Schweiz und Indonesien. Ja, es ist eine schwere, aber ehrenvolle Aufgabe, Botschafter zu sein!

Laurens van der Zee (Folkcorn)

 

Uebersetzung: Mirjam Krapoth empty